Leseprobe für Tsukuyumi Roman

Ein Auszug aus dem Roman Jadeträne - ein Roman von Anja Bagus

Wui wui wui … die Sirenen schallten durch das Schiff. Der Stahlkoloss zitterte. Es war  der heftige Wellengang, welcher den Flugzeugträger seit Stunden beutelte. Die stetig hin und her eilenden Mannschaften verstopften die Gänge und Leitern. Jackson prallte mit der Schulter gegen eine Wand, stieß sich ab, und versuchte die Gegenbewegung zu kompensieren, um endlich vorwärts zu kommen. Er musste doch … er musste doch …


Der Staff Sergeant wachte auf. Die Welt taumelte. Wie so oft war sein Gleichgewichtssinn gestört und die Welt schwankte noch ein wenig länger. Die Katastrophe der USS Nomad hatte ihm dieses spezielle Geschenk überlassen. Natürlich hatten auch viele andere an diesem Tag Geschenke bekommen, wenn man das so sehen wollte. Die Erde selbst hatte ein Geschenk bekommen: Der Mond war auf sie herunter gefallen.


Das hatte quasi auch den Gleichgewichtssinn der Erde gestört. Nachhaltig. Wo einstmals der Pazifik gewesen war, gab es nun Land. Der landende Gesteinsbrocken hatte bei seinem Eintreffen das Wasser verdampfen lassen und vieles enthüllt, was bisher für Menschenaugen unsichtbar gewesen war. Leider war der Meeresgrund jetzt übersät mit den Überresten des ehemaligen Unterwasserlebens und mitten drin in dem gigantischen stinkenden Schlammloch lag der Koloss des Flugzeugträgers — wie ein winziges Plastikmodell neben kilometerhoch aufragenden Steilwänden, dem Mond und der Weite des Pazifiks.
Seit fünf Jahren jetzt schon. Jackson erinnerte sich noch an den Geruch des ersten Jahres. Als die Milliarden Fische, Krebse und Pflanzen verrotteten, Regen aus der Gülle giftig brodelnde Teiche und dann Seen machte. Viele wünschten sich da, einfach einen Schalter in der Nase umlegen zu können, so wie man die Augen zu machen kann. Gerüche mit Gegengerüchen zu kontern war auch keine Lösung gewesen. Verwesung mit Lavendelgeruch war immer noch eklig. Jetzt roch es nicht mehr. Nur manchmal, wenn einer ein falsches oder zu tiefes Loch grub, oder man in Windrichtung zur Latrine stand. Vielleicht war man auch einfach abgestumpft.


Dennoch waren die Gerüche damals das kleinste Problem gewesen. Wenn man schlicht überleben will, dann ist es einem egal, ob man selbst stinkt, die Umgebung, oder beides. Die Bedrohung der Zerfallsprodukte war schlimmer gewesen. Der kleinste Spritzer der Drecksbrühe konnte endlosen Durchfall hervorrufen, der einige Menschenleben gekostet hatte. Wenn Jackson heute manchmal die kleinen Kinder rumrennen sah, dann fragte er sich, wie jemand bei den ganzen Widrigkeiten Sex haben wollte und wie seltsam es war, in diese Welt Kinder setzen zu wollen. Aber so war das wohl. Circle of life, oder so. Er summte das Lied automatisch. Immer wenn ihn etwas an einen Songtext erinnerte, konnte er nicht anders, als das Lied zu singen, zu pfeifen oder wenigstens zu summen. Er vermisste Musik. Natürlich hatte fast jeder irgendwelche Speichermedien, die immer die gleichen Lieder der verschwundenen Welt hoch und runter dudelten, aber da war noch so viel mehr gewesen …
Nur gut, dass er in seinen Oshkosh - jedenfalls bezeichnete er eines der Mehrzweckfahrzeuge als seinen eigenen, obwohl natürlich irgendwie allen alles gehörte - Alles für die Nomads! und so weiter, Go Nomads go! - jedenfalls hatte er in den Wagen, den er meistens benutzte, Lautsprecher eingebaut. Zugegebenermaßen ein bisschen versteckt, aber die meisten, die ihn gut kannten, waren schon einmal bei Erkundungsfahrten in den Genuss von zünftigem Country und Western gekommen. Er hatte auch Soul und ein bisschen Jazz, aber da standen nicht viele drauf. Die meisten Soldaten mochten es härter. Dafür hatte Jackson natürlich auch ein bisschen Rock. Der gute Highway to hell ging immer. Sein Musikgeschmack ging bis etwa 1980, alles danach war nur noch verschissene Nachmache, seichtes Gedudel, mit dem ihm niemand kommen sollte.


Jackson hatte damals nach dem Unglück ein paar Tage nicht laufen können, und wenn, dann war er im Kreis gegangen und hatte nach ein paar Minuten sein weniges Essen ausgekotzt. Doc Roc hatte den Kopf geschüttelt und ihm geraten, das nicht zu tun. Also zu laufen und den Kopf zu schütteln. Jackson hatte in dieser Zeit gelernt, neben kleineren mechanischen Reparaturen auch Strümpfe zu stopfen und zu stricken. Ohne Scheiß, er machte das heute noch gerne, auch wenn er inzwischen wieder geradeaus laufen konnte. Marschieren, besser gesagt. Und fahren. Und alles, was man eben als Soldat so tat. Besser gesagt als Staff Sergeant von den US Marines. Marines mit großem M. Semper Fi und so.


Das waren sie ja immer noch, also Soldaten, auch wenn sie sich inzwischen Nomads nannten. Ein hartes Gemisch aus Navy, Marines und Air Force. Jackson war nur zufällig auf der Nomad gewesen, als es geschah. Eigentlich gehörte er zur Besatzung des Begleitschiffes USS Wild Horse, die kleineren Schiffe waren von den Tsunamis noch unbarmherziger gebeutelt worden. Fast niemand war von deren Besatzung übrig geblieben. Keiner wusste, wo das zu dem Flottenverband gehörige U-Boot geblieben war. Von insgesamt 10.000 Mann Besatzung der Einheit waren nur knapp 250 übrig geblieben. Von denen waren im ersten Jahr nochmal 53 gestorben. Sie hatten inzwischen einen großen Friedhof.


Im zweiten Jahr war das erste Kind geboren worden. Man hatte es sinnigerweise Adam genannt. Jackson erinnerte sich an eine Feier mit vergorenem Getränk - niemand fragte, was da drin war, alle brauchten die Momente guter Laune zu dringend. Niemand fragte, was man zu essen vorgesetzt bekam. Es war Essen. Es hielt einen am Leben. Manche behaupteten, es hielte einen nur am Scheißen, aber damit hatte Jackson wenig Probleme.


Meistens war er nur der Mechaniker und Fahrer. Der Tsunami, der die Nomad schließlich auf dem baren Meeresgrund hinterließ, hatte die im Unterdeck eingeschlossenen Flugzeuge stark beschädigt. Die Reparaturen wären aber irgendwann so weit, dass sich wieder jemand in die Luft erheben konnte, sagten die Kommandanten. Ja, der Mensch braucht Pläne und Zuversicht in die Zukunft, um weiterzuscheißen und nicht einfach mit unterzugehen. Die begleitenden Schiffe hatten einige der Multifunktionsfahrzeuge in ihren Bäuchen gehabt - Humvees und Oshkoshs. Die waren überlebensnotwendig - denn die neue Welt hatte Bedrohungen hervorgebracht, mit denen keiner gerechnet hatte.
Jackson hielt die Fahrzeuge, für die er verantwortlich war, so gut in Schuss wie er konnte. Die Batterien waren immer gut geladen, das war das wichtigste. Aber es war auch nötig, sie kontrolliert zu entladen, darüber musste genau Buch geführt werden. Unterwegs konnte man die Fahrzeuge mit Sonnenenergie tanken, was aber bei dem Staub in der Atmosphäre nicht so effizient war, wie es sein konnte. Blieb man im Radius des Flugzeugträgers, so lud man die Wagen selbstverständlich dort. Wie alle Geräte, die Saft brauchten. Niemand wagte darüber nachzudenken, was geschehen würde, wenn das nukleare Herz der Nomad erstarb.


Immer, wenn Jackson von einer Mission zurückkam, und den auf der Seite liegenden Flugzeugträger von weitem erblickte, erschauerte er innerlich. Es war bittersüß. Was für ein Weg von den endlosen Maisfeldern aus Indiana zu diesem Koloss auf dem baren Staub, der ehemals Meeresboden war. Aber Heimat ist Heimat. Und die ist da, wo man lebt. Manche kamen ja wieder auf das beliebte Thema Scheiße zurück und behaupteten, Heimat wäre dort, wo man hinscheißt. Es war alles eine Frage der Sichtweise. Leben und Scheißen gehörten halt zusammen.


Leben war dennoch eine Selbstverständlichkeit, nach der Katastrophe, die alles auf der guten alten Erde nachhaltig verändert hatte. Jackson lebte und das beabsichtigte er auch noch eine Weile zu tun. Alles ging zwar langsamer und geradliniger - wenn ihn der Schwindel nicht gerade zu Kurven zwang -, aber was störte ihn das? Er war nicht kurzsichtig, hatte fast noch alle seine Zähne und seine Arbeit war nützlich.
Möglicherweise würde irgendwann eines seiner Kinder hier herumspringen, dachte er, als er aus der Öffnung, die einstmals eine Ladeluke der Nomad gewesen war, heraustrat, die Metallleiter herunterstieg und eine kleine Gruppe kreischender Sprösslinge an ihm vorbei rannte. Auch wenn er nicht attraktiv war und daher nicht die erste Wahl der Damen, so wussten alle um die genetische Diversität, die dringend benötigt wurde. Denn sie waren hier möglicherweise eine der letzten Enklaven der Menschheit.


Die USS Nomad (CVN-78): 400 Meter lang, 50 Meter breit am Rumpf, 90 Meter am Flugdeck. Jetzt waren die 90 Meter eine vertikale Wand, die Landebahnmarkierungen nur nutzlose Striche, sowas wie abstrakte Kunst.


In den sechs Jahren, die sie hier am Grund des ehemaligen Pazifiks, genauer gesagt im sogenannten Gelben Meer, nahe Pjöngjang, verbracht hatten, waren ihnen nur sehr wenig andere normale Menschen über den Weg gelaufen. Ja sicher, es gab die Löwenleute - wilde schwarze Krieger, die auf gezähmten mutierten Büffeln ritten und sie regelmäßig angriffen - die hatten wenig Menschliches, vom Standpunkt der Nomads aus gesehen. Sie schienen eher wie eine Horde Neandertaler - nicht vergleichbar mit der Ansiedlung rund um das Schiff, die die Werte und Gesetze der Welt aufrechterhielten. Naja, die übriggeblieben Japsen hockten wie Maulwürfe unter der Erde. In Bunkern. Die hatten diese vercyberten Samurai - üble Krieger, mit einem verschissenen Ehrenkodex aus dem Geschichtsbuch, aber modernster Technologie im Körper. Jackson biss sich fast auf die Zunge, wenn er an die Kämpfer in ihren Vollpanzerungen dachte. Sie waren verflucht schnell und Bloch meinte, sie würden von einem Computer, so einer allwissenden künstlichen Intelligenz, gesteuert. Daher wussten sie manchmal auch, was hinter ihnen vorging und kämpften mit einer schrecklichen Akkuratesse. Aber waren das noch Menschen? Sie hatten mal ein paar der Toten untersucht und festgestellt, dass manche mehr Maschine als Mensch waren! Vollgestopft mit Implantaten, sogar künstlichen Drüsen! Und es gab welche, die waren tatsächlich reine Maschinen. Wie eine Waffe, menschenähnlich, nur größer. Verschissene Kampfroboter. Hasta la vista, baby. Sayonara, oder so.


Ansonsten gab es Gerüchte über Wale, die sich auf ihren Flossen vorwärtsbewegten. Das war natürlich völlig blödsinnig, jeder wusste doch, dass die an Land von ihrem schieren Gewicht erdrückt wurden. Die Gerüchte hörten aber nicht auf. Jackson dachte, dass es nicht blödsinniger wäre, als die Oni, die er schon gesehen hatte. Blinde, missratene, ekelerregende Figuren, direkt aus irgendwelchen Höllen entstiegen, die nichts wollten, als zu schlitzen und zu metzeln. Oder die russischen Soldaten, die sich wie Kerle benahmen, aber Frauen waren.
Ja, es gab eine Menge hier in diesem Ödland, was nur darauf aus war, alle zu massakrieren, um ihre leckeren Innereien zu genießen. Dennoch versuchten sie, einfach weiterzumachen. Die Soldaten der USS Nomad taten schlicht so, als wären sie noch in good ole US of A und nur durch einen blöden Zufall wäre gerade keine Mall in der Nähe, um dort shoppen zu gehen.

Wie immer, wenn er aus dem Schiff kam, sah auch Jackson zuerst nach oben in den Himmel. Nicht, um diesen Trabanten zu erblicken, der nicht mehr da war, nein, um Regenwolken zu suchen. Regen war auch Leben. In den ersten Jahren war er manchmal verseucht gewesen, aber inzwischen wurde es besser. Sie hatten gelernt, guten und schlechten Regen zu unterscheiden.


Die Nomads hatten auch gelernt, nicht jedem Wasser zu trauen. Selbst wenn es frisch und rein aussah, war es trügerisch, denn in jedem Rinnsal konnte sich das Blut des Drachen befinden - das war verantwortlich für viele der Abartigkeiten. Sie hatten einmal einen der Japsen gefangen genommen und ausgehorcht. Der hatte erzählt, in dem Mond, welcher auf die Erde gefallen war, befinde sich ein weißer Drache. Suku-jumi. Oder so. Und der würde alle vernichten. Weil die ihn mit einem Speer beworfen hatten, die Scheiß Japsen. Das hatte das Vieh nur aufgescheucht, nicht getötet.


Bloch hatte dem Samurai dann erlaubt, sich selbst zu töten. Verschissener Ehrenkodex halt. Natürlich wussten alle, dass die Geschichte, so blödsinnig sie auch klang, nicht erfunden war. Es stimmte, im Mond wohnte ein scheiß-weißer Drache, der dafür gesorgt hatte, dass der Mond auf die Erde gefallen war. Aber die Nomads wollten offiziell eine andere Version haben. Im Mond wohnte verdammt nochmal keine japanische Echse. Wenn überhaupt, dann der Coca-Cola Santa Claus. Der Pfarrer hatte etwas von Gotteslästerung gefaselt, Bloch von Patriotismus, aber Jackson dachte oft bei sich, dass er diesen Gott noch nie gebraucht hatte. Den oben im Himmel nicht und auch nicht die UfuckingSofA.


Er sah zur Insel des Flugzeugträgers hoch. Die Kommandozentrale der USS Nomad klebte immer noch an der jetzigen Steilwand - früher hieß das die Insel, jetzt war es eher das Anhängsel. Darin befanden sich die jetzigen Götter: Major Miller, Captain Greta »die Heilige« Hoffman und Colonel Bloch. Das Triumvirat der USS Nomad. Die great fucking Drei vom Flugzeugträger. Sie hatten ihre eisernen Krallen in allem. Egal, was es war: Rationenverteilung, Dienstpläne, sogar manchmal, wer wann pissen durfte, oder wer mit wem Sex hatte. Jackson war Soldat, also gehorchte er ihren Befehlen, aber er musste es nicht gut finden. Es fragte ihn aber auch keiner und er war nicht der Typ, der anderen dauernd erzählte, was ihm durch den Kopf ging. Aufmerksame Mitmenschen konnten das aber an den Liedern erkennen, die er ständig vor sich hinsummte.


Die United States: Die waren jetzt wohl auch Geschichte. Niemand hatte je einen der stetig abgegebenen Funksprüche aufgefangen oder auf einen geantwortet. Die Frequenzen waren still, bis auf einige, die von den wenigen funktionsfähigen Satelliten genutzt wurden. Erdtrabanten, die immer noch das taten, wofür sie gedacht waren, obwohl der durchsausende Mond alle wie Löwenzahnsamen aus der Umlaufbahn gepustet hatte. Ja, die Nomads konnten tatsächlich manchmal, wenn auch ganz, ganz selten, mit denen auf den Marskolonien sprechen, aber Kalifornien war unerreichbar - das fanden einige nicht schlimm, der »Golden State« war für die meisten hier nur ein Pickel am Arsch des bible belts gewesen.


Sie waren vielleicht zu weit weg, behaupteten einige. Oder zu tief unten. Während Jackson noch mit seinem Schwindel zu kämpfen gehabt hatte, waren die anderen ausgeschwärmt und hatten festgestellt, dass sie ziemlich nah an der japanischen Insel gestrandet waren. Diese Insel, die jetzt ein Gebirge war. Weit, weit weg von den Maisfeldern und allem, was früher einmal ein Rahmen war, der Zivilisation definierte. Einer Zivilisation, die ihre eigenen Götzen getötet hatte und nun dafür bestraft worden war.


Jackson nickte einigen zu und begab sich zunächst einmal zur Latrine. Der heutige Tag würde lang werden, das wusste er jetzt schon. Alle Fahrzeuge sollten morgen in der Früh ausfahren. Nicht alle kämen am Abend zurück. Manche fuhren jagen und die Felder schützen, aber ein kleiner Konvoi von 15 Fahrzeugen würde zu einer lang geplanten Mission hoch auf das Festland losziehen. In China gab es Orte, an denen man Dinge tauschen konnte. Jackson war als Staff Sergeant und Mechaniker dabei. Man wolle mal wieder nach dem Rechten schauen, hieß es. In Wahrheit brauchte man Rohstoffe und wenn es nur Samen für essbare Pflanzen waren.


Als er aus der Latrinenhütte trat, warteten schon ein paar Kinder auf ihn. »Was ist mit euch Geschmeiß«, fragte er spielerisch grummelig und griff sich das Nächststehende, um es mit lautem Juchzen hoch in die Luft zu heben. Natürlich wollte fast jedes von ihnen derartig geschwenkt werden, nur der fünfjährige Tom verzichtete grinsend. Jackson knuffte dem Jungen gegen die Schulter. »Dir sind wohl die Dimes ausgegangen?«, fragte er und lachte laut, als Tom sich sofort ans Ohr griff, wo Jackson jedem Kind schon unzählige der inzwischen nutzlosen Geldstücke hervorgezogen hatte. Auch dafür liebten sie ihn.
»Hoi, lass die Kinder in Ruhe, Jackson, du Päderast! Schau mal, was ich mitgebracht habe!«, rief Bloch ihm zu, als Jackson an dessen Blechhütte vorbeikam. An einer Kette vor der Hütte kauerte eine seltsame Gestalt. Jackson hatte ihresgleichen schon ein paarmal gesehen, aber noch nicht in einer solchen Situation. Sie war eine Boar. So nannte man eine Spezies, die sich aus Wildschweinen entwickelt hatte. Keiner konnte sich das erklären, die Evolution war rasend schnell gegangen. Die Boar waren furchtlose Krieger, die alles, was sie der erloschenen Zivilisation entnehmen konnten, nutzten und ihren Platz in dieser neuen Welt beanspruchten.


Hier versuchte sich aber ein seltsames Weibchen dieser Spezies vor den zudringlichen Blicken zu verstecken. Sie war statt mit dichten steifen Borsten nur mit feineren Haaren bedeckt und zudem war die Hälfte ihres Kopfes schneeweiß. Das Auge in dem hellen Bereich war dadurch seltsam blau. Sie sah Jackson nur kurz an, um danach wieder hasserfüllt zu ihrem Gefängniswärter zu blicken. Bloch zerrte kurz an der Kette, die an ihrem Hals befestigt war und lachte.


Jackson grüßte seinen Vorgesetzten streng militärisch, mehr wollte er dem Mann aber nicht zugestehen. Er hasste Bloch und das war ein neuer Höhepunkt von dessen Grausamkeit. Sein Vorgesetzter war ein typisches Beispiel dafür, wie das Militär manchmal grandios versagte und die falschen Männer auf wichtige Positionen beförderte. Bloch war dabei noch nicht einmal wirklich unfähig, aber irgendwann war er zu einem sadistischen Arschloch geworden. Das färbte leider auf seine Untergebenen ab. Jackson fuhr nicht gerne mit ihm, konnte es aber oft nicht verhindern. Während solcher Einsätze verrohten die Männer jedes Mal und wenn Jackson sich zu sehr raushielt, wurde er ebenfalls gepiesackt. Manchmal rettete ihn nur, dass er als Mechaniker wirklich fast unersetzlich war.


Eines der Kinder warf einen Stein auf die Boar und Jackson zog es am Schlawittchen weg. »Lass das!«
      »Aber das ist ne Mutante!«
      »Eine Mutation«, sagte Jackson. »Das ist nichts Schlimmes.«
      »Die sind aber böse!« Zahnlücken-Jenny zeigte mit den spitzen Finger.
      »Und hässlich«, befand Benji.
      »Und dumm.« Lily wollte auch auf jeden Fall etwas dazu sagen
      »So ein Unsinn«, sagte Jackson. »Hört auf, so einen Mist zu reden.«
      »Die fressen Menschen!«, beharrte Benji.
      »Die essen nicht, die fressen.« Der dreijährige Brooklyn grunzte wie ein Boar.

Jackson schlug ihm auf den Hinterkopf. »Benimm dich! Sonst erzähle ich euch heute keine Geschichte.«
Der Kleine wollte heulen, riss sich dann aber zusammen. Jackson scheuchte die Kinder weg, damit er endlich arbeiten konnte.
     »Moin, Staff Sergeant. Sie lieben dich!«, sagte Clementine, die gerade vorbeikam.
     »Moin Lieutenant. Kroppzeug«, erwiderte Jackson grinsend.